Achtsames Essen, was heisst das?

In der heutigen Zeit muss alles meist schnell gehen: Genussvolles Essverhalten bleibt so häufig auf der Strecke. Eine Methode, dem stressigen Zeitgeist entgegenzuwirken und den Bedürfnissen des Körpers mehr Aufmerksamkeit zu schenken, verbirgt sich hinter dem Ansatz des achtsamen Essens.

Ziel von Achtsamem Essen ist das innere Gleichgewicht

Wie das Essverhalten ist und wie es sein sollte

Das herrschende Überangebot an Nahrungsmitteln, ungesunde Ernährungsgewohnheiten und Essverhaltensmuster sind die Grundpfeiler unseres „Problems“. Das Gespür dafür, Hunger von Appetit zu unterscheiden und bewusst zu essen, ist den meisten Menschen abhandengekommen. Genau da setzt das achtsame Essen an: Beim achtsamen Essen kommt es vor allem darauf an die Beziehung zum Essen offen und wertfrei zu erforschen – ganz nach dem Leitsatz: Ich sollte nicht etwas essen, sondern ich möchte etwas essen. So werden Gefühle, Gedanken und Reaktionen des Körpers während des Essens ins Bewusstsein gerufen.

Sobald die Selbstwahrnehmung gefördert wird, fällt es leichter Körpersignale bewusst wahrzunehmen und einen fürsorglichen Umgang mit sich selbst zu erlernen. Das Ziel des achtsamen Essens ist inneres Gleichgewicht. Das Idealgewicht somit zu erreichen, sollte nur ein erfreulicher Nebeneffekt sein.

Für wen eignet sich achtsames Essen?

1. Für diejenigen, die sich an keine strikten Diätpläne mehr halten möchten, sondern einen entspannten Weg suchen, an Gewicht zu verlieren.

2. Wer mit seinem Körpergewicht unzufrieden ist und den Kampf gegen seine Pfunde mit einer alternativen Lösung beenden möchte.

3. Für Menschen, die aus emotionalen Gründen essen: Beispielsweise nach einem anstrengenden Tag oder aus Frust und Einsamkeit.

4. Wer seinen Körper achten lernen und seine Erfahrungen beim Essen mehr wahrnehmen möchte, um genüsslicher und sinnvoller zu leben.

Woher kommt achtsames Essen?

Historisch wurden Achtsamkeitsübungen in der buddhistischen Meditationspraxis entwickelt. Nach Buddha ist Achtsamkeit der Weg zur Überwindung von Kummer, Klage, Trübsal und Schmerz. Bei den Zen-Lehren des Buddhismus lauten die zentralen Fragen des achtsamen Essens:

  • Habe ich Hunger?
  • Wo spüre ich Hunger? Welcher Teil von mir ist hungrig?
  • Wonach sehne ich mich wirklich?
  • Was schmecke ich jetzt im Moment?

In der neueren Zeit gilt Jon Kabat-Zinn (geb. 1944), Begründer des „Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society“, als bedeutendster Vertreter des achtsamen Essens. Laut Zinn steht im Fokus des achtsamen Essens die Pflege der Achtsamkeit und der Herzenswärme. Denn Essen ist mehr als das Verspeisen von Nahrung: „Mit ganzem Herzen und etwas Disziplin und Engagement auf die Übungen/die Sache einlassen. Das Wundervolle an der informellen Achtsamkeitspraxis ist, dass sie keine zusätzliche Zeit beansprucht. Alles was gebraucht wird, ist ein Wandel im Bewusstsein, ein Umschalten von der gewohnheitsmässigen blinden Daseinsweise zu wacher Präsenz.“

Zinns Einfluss hat dafür gesorgt, dass achtsames Essen sogar in Institutionen wie Spitälern, Schulen, Sporteinrichtungen, Firmen oder Gefängnissen ein Thema geworden ist.

Die Wirkungen von achtsamen Essen

Forschungen zeigen, dass gezielte Achtsamkeitsübungen Stress reduzieren und helfen können, Gewichtsprobleme oder negative Gedanken rund um das Essen zu verlieren. Denn achtsames Essen entschleunigt die Nahrungsaufnahme nachweislich. Sie kommen ausserdem zu innerer Ruhe und nehmen vieles intensiver wahr: Den Geruch, den Geschmack, die Farbe, die Portion des Essens oder das Sättigungsgefühl. Wer sich richtig auf seine Mahlzeit einlässt, erlebt eine Menge. Auch Gefühle können dabei hochkommen. Man isst mit allen Sinnen.

Achtsam essen, aber wie?

„Achtsam essen heisst nicht, jeden Bissen 50 Mal zu kauen. Es bedeutet, wertfrei zu beobachten, was man gerade tut: Das kann auch heissen, hektisch einen Schokoladenriegel zu verschlingen oder erst einmal zu registrieren, wie häufig man sich achtlos etwas in den Mund schiebt“, erklärt Margreth Brühl Hurter, Ernährungsberaterin aus Aesch, im Buch Essstörungen und Adipositas. Und weiter sagt sie: „Achtsam zu sein verlangt oft Mut und ist nicht immer angenehm. Manchmal werden Gefühle bewusst, die bis dahin verdrängt oder beiseitegeschoben wurden.“ Achtsam essen lässt sich relativ leicht erlernen, wenn einige Punkte beachtet werden:

  • Sich Zeit nehmen und nicht ablenken lassen.
  • Langsamer essen und trinken.
  • So gut es geht auf das Abbeissen, Kauen, Geschmackserleben, Schlucken und Bauchgefühl achten.
  • Es gibt kein richtig oder falsch. Es geht nur darum, sich auf den Moment zu konzentrieren.
  • Sich aufmerksam und wertfrei sich selbst zuwenden und mit einer freundschaftlichen Disziplin üben.
  • Grösse der Portion, also die „rechte Menge“.
  • Passende Energiebilanz: Hineinfliessende Energie (Nahrung und Getränke) und hinausfliessende Energie (Warmhalten, Bewegung, Betreiben der Zellfabriken, insensible Verluste.)
  • Die innere Stimme wohlwollend in Zaum halten.
  • Dankbarkeit für das Essen aufbringen. 

Doch wie realistisch ist die Anwendung von achtsamem Essen? Es sind die berühmten Kleinigkeiten, die ausschlagegebend sind: Zum Beispiel nicht in der Kantine essen, wenn Ihnen nicht danach ist, sondern das Essen mit in den Aufenthaltsraum nehmen. Seien Sie zumindest während den ersten drei Bissen präsent. Nehmen Sie mindestens einmal wöchentlich eine ganze Mahlzeit schweigend und achtsam zu sich. Sie werden den Unterschied spüren!

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