Ziel von Achtsamem Essen ist das innere Gleichgewicht

Jeder dritte Mensch leidet unter einer Form von Fehlernährung. In der heutigen Zeit muss alles immer schnell gehen und am besten auch noch gleichzeitig gemacht werden. Wir sind ja alle so multitaskingfähig. Dass dies nachweislich ungesund ist, stellt kein Geheimnis dar. Eine Methode, dem stressigen Zeitgeist entgegenzuwirken, verbirgt sich hinter dem Begriff der Achtsamkeit. Damit ist gemeint, dass man bewusst etwas tut und dabei wahrnimmt; sich vor allem nur auf diese eine Sache konzentriert. Achtsames Essen ist ein Teilbereich dessen.

Die fünf zentralen Aspekte von achtsamer Wahrnehmung sind:

  • Oszillierende (hin- und her pendelnde) Aufmerksamkeit
  • Wertfreie Beobachtung
  • Sammlung und Konzentration
  • Verankerung in der Gegenwart
  • Innehalten, nicht reagieren

Das herrschende Überangebot an Nahrungsmitteln, ungesunde Ernährungsgewohnheiten und Essverhaltensmuster sowie ein zumeist sitzender Lebensstil sind die Grundpfeiler unseres „Problems“. Denn das Gespür dafür, wann man wirklich Hunger hat, ist den meisten Menschen abhanden gekommen. Auch der Unterschied zwischen Genuss und Völlerei ist vielen mittlerweile unbekannt. „Eine gestörte Art des Essens ist in unserem Kulturkreis zwar eigentlich normal – ‚normal‘ nicht im Sinne von ‚gesund‘, sondern im Sinne von ‚häufig‘ und ‚angepasst‘“, schreiben Thea Rytz, Körperpsychotherapeutin EABP (European Association for Bodypsychotherapy) und Silvia Wiesmann, Tanztherapie und Dozentin für achtsamkeitsbasierte Therapieverfahren, u.a. Lehrgang Psychosomatik Basel, Psychoonkologie Krebsliga, aus Bern, im Vorwort ihres Buches „Essstörungen und Adipositas“.

Wichtig ist ausserdem: Man sollte nicht etwas tun, sondern man möchte etwas tun. In diesem Falle speziell aufs Essen und Trinken gerichtet. Denn ständig kämpfen verschiedene Stimmen in unserem Körper und um uns herum mit den Wünschen und dem Verlangen nach Nahrungszufuhr. Doch wann, was und wieviel gegessen wird, ist ein komplexer Prozess. Diesen bewusst wahrzunehmen und dann entsprechend zu handeln, ist das Geheimnis des Achtsamen Essens.

Woher kommt Achtsames Essen?

Historisch wurden Achtsamkeitsübungen in der buddhistischen Meditationspraxis entwickelt. Nach Buddha ist Achtsamkeit der Weg zur Überwindung von Kummer und Klage, von Trübsal und Schmerz.

Bei den Zen-Lehren des Buddhismus (den Augenblick ganz erforschen und sich Fragen stellen) heisst es:

  • Habe ich Hunger?
  • Wo spüre ich Hunger? Welcher Teil von mir ist hungrig?
  • Wonach sehne ich mich wirklich?
  • Was schmecke ich jetzt im Moment?

In der neueren Zeit gilt Jon Kabat-Zinn (Jahrgang 1944), promovierter Molekularbiologe, Professor Emeritus für Medizin an der „University of Massachusetts Medical School“ und Begründer des „Center for Mindfulness in Medicine, Health Care, and Society“, als bedeutendster Vertreter des Achtsamen Essens. Sein Einfluss hat dafür gesorgt, dass Achtsames Essen sogar in Institutionen wie Spitäler, Schulen, Sporteinrichtungen, Firmen oder Gefängnissen ein Thema geworden ist.

Im Fokus stehen die Pflege der Achtsamkeit und der Herzenswärme. Denn Essen ist mehr als das Verspeisen von Nahrung. Ein Tipp von Jon Kabat-Zinn: „Mit ganzem Herzen und etwas Disziplin und Engagement auf die Übungen/die Sache einlassen. Das Wundervolle an der informellen Achtsamkeitspraxis ist, dass sie keine zusätzliche Zeit beansprucht. Alles was gebraucht wird, ist ein Wandel im Bewusstsein, ein Umschalten von der gewohnheitsmässigen blinden Daseinsweise zu wacher Präsenz.“

Warum sollte man achtsam essen?

Achtsames Essen entschleunigt nachweislich. Denn man kommt zur Ruhe und nimmt dadurch alles viel intensiver wahr: den Geruch, den Geschmack, die Farbe des Essens, die Portion, das Sättigungsgefühl. Wer sich richtig auf seine Mahlzeit einlässt, erlebt eine Menge. Auch Gefühle können dabei hochkommen. Man isst mit allen Sinnen.

Es gibt sieben Formen des Hungers, die nicht immer gleichzeitig zu Wort kommen. Sie spielen eine wichtige Rolle im alltäglichen Genuss:

  • Augenhunger: Was sieht schön und appetitlich aus?
  • Nasenhunger: Was riecht gut?
  • Mundhunger: Der Kiefer braucht etwas zu kauen.
  • Magenhunger: Dies ist der wirkliche Hunger. Wonach ist mir?
  • Zellhunger: Er kann durch die Grundelemente befriedigt werden: Wasser, Salz, Eiweiss, Fett, Kohlenhydrate, Mineralien, Vitamine und Spurenelemente wie Eisen oder Zink. Oftmals können wir diese Wünsche aber nur verstehen, wenn wir krank sind und der Körper darauf besteht.
  • Geistiger Hunger: Nahrung fürs Hirn, aber auch zeitlich durchgetaktet. Wann habe ich (laut Plan) Zeit fürs Essen?
  • Herzhunger: mit Erinnerungen und Erlebnissen verbunden, zum Beispiel Omas Kartoffelsuppe.

Zusätzlich kommt noch der Durst hinzu, der in gewisser Weise auch ein Hunger ist.

„Achtsam essen heisst nicht, jeden Bissen 50 Mal zu kauen. Es bedeutet, wertfrei zu beobachten, was man gerade tut: Das kann auch heissen, hektisch einen Schokoladenriegel zu verschlingen oder erst einmal zu registrieren, wie häufig man sich achtlos etwas in den Mund schiebt“, erklärt Margreth Brühl Hurter, Ernährungsberaterin aus Aesch, im Buch Essstörungen und Adipositas (Versöhnung mit Praliné und Co. - Körperzentriertes, lösungsorientiertes Esstraining bei Adipositas und Essverhaltensstörungen). Und weiter: „Achtsam zu sein verlangt oft Mut und ist nicht immer angenehm. Manchmal werden Gefühle bewusst, die bis dahin verdrängt oder beiseite geschoben wurden.“

Wer sollte achtsam essen?

Achtsames Essen ist für jeden Menschen gut, alters- und geschlechtsunabhängig. „Jeder, der sich beobachten möchte. Jeder, der ein Thema mit dem Essen hat“, sagt Antonia Gundlach. Sie ist Beraterin im psychosozialen Bereich mit eidg. Diplom in Bülach und Therapeutin auf Coachfrog.

„Achtsames Essen ist ein Prozess und eine Möglichkeit, statt auf Autopilot zu reagieren, innezuhalten, wahrzunehmen, was jetzt gerade ist. So ergeben sich peu à peu Möglichkeiten, anders zu reagieren. Wenn wir den Körper mit all seinen Sinnen und Fähigkeiten als Sitz der Gefühle miteinbeziehen, ist es möglich, das Verhalten zu ändern“, so Gundlach.

Achtsam essen, aber wie?

Achtsam essen lässt sich relativ leicht, wenn man ein paar Punkte beachtet:

  • Sich Zeit nehmen und nicht ablenken lassen
  • Langsamer essen und trinken
  • So gut es geht auf das Abbeissen, Kauen, Geschmackserleben, Schlucken und Bauchgefühl achten
  • Es gibt kein richtig oder falsch. Es geht nur darum, sich auf den Moment zu konzentrieren.
  • Sich aufmerksam und wertfrei sich selbst zuwenden und mit einer freundschaftlichen Disziplin üben
  • Grösse der Portion, also die „rechte Menge“
  • Passende Energiebilanz: hineinfliessende Energie (Nahrung und Getränke) und hinausfliessende Energie (Warmhalten, Bewegung, Betreiben der Zellfabriken, insensible Verluste
  • Die innere Stimme wohlwollend im Zaum halten
  • Dankbarkeit für das Essen aufbringen

 

Doch wie realistisch ist die Anwendung von Achtsamem Essen? Nicht jeder hat schliesslich unbegrenzt lang Mittagspause, um seine Mahlzeit zu zelebrieren. Aber dennoch ist es möglich. Es sind die berühmten Kleinigkeiten, die den Ausschlag geben: Zum Beispiel nicht in der Kantine essen, wenn einem nicht danach ist, sondern sich sein Essen mit in den Aufenthaltsraum nehmen. Seien Sie zumindest während der ersten drei Bissen oder Schlucke präsent. Nehmen Sie mindestens einmal wöchentlich eine ganze Mahlzeit schweigend und achtsam zu sich. Ziel von Achtsamem Essen ist übrigens das innere Gleichgewicht. Es handelt sich um keine Diät. Erlangt man auf diesem Weg sein Idealgewicht, ist dies ein erfreulicher Nebeneffekt.

Diese Artikel könnten für Sie auch interessant sein.

Resultate werden geladen. Bitte warten Sie...