Autoimmunerkrankungen und ihre Behandlung mit Akupunktur

Gelenkschmerzen, Darmbeschwerden, Sehstörungen – die Symptome einer Autoimmunerkrankung sind vielfältig. Obwohl Immunologen den Beschwerdebildern mit Hochdruck auf den Grund gehen, ist bislang keine Heilung in Sicht. Umso wichtiger ist es für Betroffene, ihre Symptome zu mildern, gefährdete Organe zu schützen und nicht an mentaler Stärke zu verlieren. Erfolgreiche Begleittherapien gibt es viele – ein Ansatz lautet Akupunktur. 

Akupunktur kann Autoimmunerkrankungen behandeln

Ein gesundes Immunsystem schützt den Organismus vor Eindringlingen wie Bakterien, Viren, Mikroorganismen oder anderen Fremdstoffen. Dringt beispielsweise ein rostiger Nagel in die Haut ein, gelangen über die Wunde schädliche Mikroben in den Körper. Fresszellen verdauen die Eindringlinge und präsentieren deren Bruchstücke auf ihrer Oberfläche. Erkennt eine T-Helfer Zelle diese Bruchstücke, beginnt sie, andere Immunzellen zu aktivieren, welche die Eindringlinge unschädlich machen. Bei einer Autoimmunerkrankung kann das Immunsystem jedoch nicht zwischen „fremd“ und „selbst“ (auto) unterscheiden. Eine solche Fehlprogrammierung unseres Abwehrsystems führt dazu, dass ungefährliche Teile des Körpers als fremdartig angesehen und bekämpft werden. Aus schulmedizinischer Sicht verliert das Immunsystem seine Toleranz gegenüber körpereigenen Strukturen wie bestimmten Zellen oder Geweben und ruft entzündliche, chronische Prozesse hervor. Die Folge: Der Körper erkrankt.

Die häufigsten Autoimmunerkrankungen

Schätzungen zufolge leiden etwa 5 bis 8 Prozent aller Menschen an einer Form der Erbkrankheit. Sie bildet somit die dritthäufigste Erkrankungsgruppe weltweit. Heute gehen Forscher von mehr als 80 verschiedenen Formen von Autoimmunerkrankungen aus. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen folgende:

Rheumatoide Arthritis

Die Gelenke entzünden sich und schwellen an. Betroffene leiden unter Gelenkschmerzen, Morgensteifigkeit oder Erschöpfung.

Multiple Sklerose

Das Immunsystem greift die körpereigenen Nerven an. Es kommt zu Sehstörungen, Kribbeln in den Gliedmassen, Taubheitsgefühlen bis hin zu schweren, dauerhaften Behinderungen.

Diabetes Typ 1

Durch das fehlende Insulin im Körper zerstört das Immunsystem die Bauchspeicheldrüse. Betroffene haben einen erhöhten Harndrang und Durst sowie Gewichtsverlust und einen Leistungsabfall.

Zöliakie

Das Eiweiss vieler Getreidesorten führt zu einer Entzündung in der Dünndarmschleimhaut. Die Folgen sind Bauchkrämpfe, Durchfall oder Blähungen.

Morbus Crohn

Durch die Abwehrreaktion des Körpers kommt es zur Darmentzündung. Betroffene leiden unter Schmerzen sowie an Durchfall und Gewichtsabnahme.

Schuppenflechte

Weil weisse Blutzellen übermässig aktiv sind, werden Hautzellen schneller aus tiefen Hautschichten an die Oberfläche transportiert. Dies führt zu schuppenden Entzündungsherden, die starken Juckreiz auslösen.

Systemischer Lupus

Der Körper bildet gefährliche Antikörper, die mit dem Blut in alle Körperregionen gelangen. Somit können unspezifisch Organe entzündet und geschädigt werden. Häufige Symptome sind Gelenkschmerzen, Müdigkeit und Hautveränderungen.

Hashimoto

Das Stoffwechselorgan Schilddrüse entzündet sich und produziert immer weniger Hormone. Dies führt zu Erschöpfung, Gewichtszunahme und Verdauungsproblemen.

Warum ist eine Therapie so wichtig?

Starke, chronische Entzündungsreaktionen ohne eine entsprechende medizinische Behandlung können die Organe bis zur vollständigen Zerstörung schädigen. Autoimmunerkrankungen sind so vielfältig, dass jedes mögliche Organ oder sogar mehrere Organe und Organsysteme des Körpers betroffen sein können – beginnend von den kleinsten Haarwurzeln bis hin zu grossen, inneren Organen wie Niere oder Darm. Um dem fortschreitenden Zerfall von Organen entgegenzuwirken, ist eine Diagnose und Behandlung sehr wichtig.

Wieso erhalten viele Patienten eine späte Diagnose?

Bis eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert werden kann, vergeht häufig viel Zeit. Durchschnittlich gehen Erkrankte zu sechs bis zehn Ärzten über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren, bevor die richtige Diagnose gestellt wird. Denn für Ärzte ist eine Autoimmunerkrankung meist nur sehr schwer ersichtlich: Die Symptome sind anfangs diffus und können grösstenteils nicht klar zugeordnet werden. Ein weiterer Grund ist die komplexe Funktionsweise des Immunsystems, die eine frühe Erkennung in den meisten Fällen verhindert.

Frauen sind häufiger betroffen

Rund 78 Prozent aller Erkrankten sind weiblich. Ein Grund sieht die Wissenschaft in der Gebärfähigkeit von Frauen. Während einer Schwangerschaft muss das weibliche Immunsystem dazu in der Lage sein, ein fremdes Gewebe im Körper zu tolerieren. Die naturgegebenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Aufbau im Immunsystem sehen die Wissenschaftler als erhöhtes Risiko, eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln. Zudem kommt es bei Frauen im Verlauf des Lebens stärker zu hormonellen Veränderungen. Auch hierbei könnte es sich um eine Erklärung handeln, weshalb der weibliche Anteil der Betroffenen grösser ist.

In welchem Ausmass tragen die Gene Schuld an einer Autoimmunerkrankung?

Bisher deuten Studien darauf hin, dass ein erhöhtes Risiko für eine Autoimmunerkrankung vererbt wird. Die Wahrscheinlichkeit beispielsweise Multiple Sklerose weiterzuvererben, liegt bei etwa vier Prozent. An der US-amerikanischen Yale University gehen Wissenschaftler seit Jahren den Zusammenhängen von Genen und Autoimmunerkrankungen auf den Grund. Der Neurologe und Pionier der Genforschung David A. Hafler ist davon überzeugt, dass den Genen eine wichtige Funktion bei der Entstehung einer Autoimmunerkrankung zukommt. 2014 konnte er zusammen mit einem internationalen Forscherteam 300 bis 400 Genvarianten im Erbgut identifizieren, die das Risiko einer Autoimmunerkrankung deutlich erhöhen. So gibt es laut Hafler eine genetische Prädisposition für Autoimmunerkrankungen. Beispielsweise liegt das Risiko an Multiple Sklerose zu erkranken für gewöhnlich bei einem Verhältnis von etwa 1:1000. Hat jedoch die Mutter Multiple Sklerose, steigt das Risiko auf nahezu 1:30 an. Diese bestimmten Genvarianten sind auch für andere Krankheiten verantwortlich. So haben beispielsweise Multiple Sklerose Patienten ein erhöhtes Risiko gleichzeitig an Morbus Crohn zu erkranken. Es wird sogar vermutet, dass Menschen mit einer Autoimmunerkrankung aufgrund ihrer Genvariationen ein dreifach höheres Risiko haben, weitere Autoimmunerkrankungen zu entwickeln.

Immunsystem, Gene und Umwelt

Doch wer risikoreiche Genvariationen im Körper trägt, muss nicht grundsätzlich an einer Autoimmunerkrankung leiden. So zeigen weitere Studien der University of California und dem National Center for Genome Resources in Santa Fe, dass andere Faktoren für den Ausbruch der Erkrankung eine bedeutsame Rolle spielen müssen. Die Studie, die sich intensiv mit dem Erbmaterial in Immunzellen befasste, stellte fest, dass beide Zwillinge das exakt gleiche Genmaterial aufwiesen. Dennoch entwickelte nur einer von ihnen eine Autoimmunerkrankung. Wie ist das erklärbar? Entscheidend ist, ob die Gene von aussen aktiviert werden – also welche Umwelteinflüsse auf die Betroffenen eingewirkt haben. Diese Erkenntnis bringt Forscher heute zu neuen Rätseln. Immer noch nicht bekannt ist, wie das komplexe Zusammenspiel von Immunsystem, Genen und Umwelt genau funktioniert.

Autoimmunerkrankungen aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin

Anders als die Schulmedizin geht die Traditionelle Chinesische Medizin vom Leitprinzip aus, dass der Mensch ein energiedurchflutetes Wesen ist, dessen Yin und Yang sich im gesunden Zustand im Gleichgewicht befinden. Geraten jedoch Yin und Yang aus der Balance, erkrankt der Körper. Ähnlich wie bei der Diagnose in der Schulmedizin, ist auch mithilfe der TCM eine Autoimmunerkrankung anfangs nicht offensichtlich. Denn ein Ungleichgewicht entwickelt sich nach und nach. Es beginnt mit allgemeinen Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Blässe oder Grippeanfälligkeit. Zwar sind diese Beschwerden als Zeichen zu deuten, dass unsere Energie, das Qi, nicht mehr optimal fliesst. Doch Rückschlüsse auf eine Autoimmunerkrankung geben dem TCM-Therapeuten diese Symptome nicht. Kämpft der Körper ohne Verbesserung gegen die Symptome an und kann ab einem bestimmten Zeitpunkt das Ungleichgewicht nicht mehr kompensieren, kommt die Erkrankung zur ganzen Entfaltung. Autoimmunerkrankungen führt die TCM zwar auf unterschiedliche Ursachen zurück, doch im Kern ist der häufigste Ausgangspunkt ein Yin-Mangel im Körper. Aus diesem Grund hat die TCM ganz eigene Methoden zur Behandlung von Yin-Mangel entwickelt. Während Medikamente versuchen, das Immunsystem von Betroffenen zu hemmen und die zerstörerische Kraft der Krankheit zu bremsen, versucht die Traditionelle Chinesische Medizin mit einem ganzheitlichen Behandlungsansatz, fehlgesteuerte Abwehrkräfte zu regulieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Akupunktur. 

Die Behandlung mit Akupunktur

Um den Qi-Fluss zu regulieren, werden bei der Akupunktur spezielle, feine Nadeln auf der Körperoberfläche eingestochen, an den sogenannten Akupunkturpunkten. Diese Akupunkturpunkte werden je nach Krankheit und nach bestehender Symptomatik individuell vom Therapeuten ausgewählt. Durch den entstehenden Akupunkturreiz werden Reaktionen im Körper ausgelöst. Der Reiz wirkt nicht nur lokal, sondern wird bis zum Rückenmark und dem Gehirn geleitet, wo er eine Reizantwort auslöst. Das Nadeln wirkt entzündungshemmend, es werden heilende Hormone freigesetzt und die Weiterleitung von Schmerzen gehemmt. Somit können beispielsweise rheumatische Beschwerden wie Morgensteifigkeit gelindert und Schmerzen sowie Müdigkeit vermindert werden. Zudem aktiviert der hervorgerufene Reiz körpereigene Heilungskräfte, sodass der Organismus gezielt dazu angeregt wird, Selbstheilungskräfte zu entwickeln und wieder ein Gleichgewicht herzustellen.  Bei chronischen Erkrankungen wie Autoimmunerkrankungen raten Therapeuten zu 10 bis 15 Anwendungen, um die Wirkung der Behandlung zu bestimmen. Zu Beginn der Therapie planen Therapeuten in der Regel mit bis zu zwei Sitzungen pro Woche und im Verlauf mit bis zu einer Sitzung pro Woche.

Wie die Akupunktur im Detail hilft: Zwei Beispiele

Die Akupunktur ist bei Autoimmunerkrankungen in erster Linie als Schmerztherapie gedacht. Dass sie eine positive Wirkung entfalten kann, zeigen uns konkrete Beispiele. Wissenschaftliche Studien belegen, dass durch die Behandlung mit der Akupunktur Multiple Sklerose Patienten eine Schmerzlinderung verschafft wird. Denn die körpereigene Cortisol-Produktion wird mithilfe der gesetzten Reize angeregt, was zu einer Entzündungshemmung im Körper führt. Da alle Autoimmunerkrankungen Entzündungsherde umfassen, ist die Akupunktur als Begleittherapie nicht nur bei Multipler Sklerose ein vielversprechender Ansatz. Bei Multipler Sklerose ist besonders, dass sie eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems ist, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst. Daher müssen gesetzte Reize bis in diese Regionen gelangen. Die Akupunktur schafft es, die Durchblutung von Gehirn zu verbessern und die Sauerstoffversorgung anzuregen. Nicht zuletzt werden durch die Akupunktur im Gehirn Serotonin und Endorphin freigesetzt. Die Glückshormone führen zu einer verbesserten Stimmung, zu Entspannung und infolgedessen ebenfalls zu einer Schmerzlinderung beim Betroffenen.

Weiterhin verzeichnet die Akupunktur Erfolge als Begleitbehandlung von Diabetes Typ I.

Bei Diabetes Typ 1 geht die TCM von einer Nieren-Schwäche aus und konzentriert sich demnach auf das Element Wasser. Symptome wie häufiges Wasserlassen, Durst und Gewichtsverlust wie sie bei Diabetes Typ 1 üblich sind, signalisieren dem TCM-Therapeuten, dass das Wasserelement gestört ist. Neben naturheilkundlichen Anwendungen wie Kräutertees, Aufgüssen und einer angepassten Ernährung, kommt die Akupunktur bei Diabetes-Erkrankten gezielt zum Einsatz. Über dem Nieren- und Blasenmeridian, der die Energie Qi transportiert, wird auf den Körper mit sanften Nadelstichen eingewirkt. So kann die Therapie bei schmerzhaften Nervenschäden ebenso zur Schmerzlinderung beitragen. 

Da Autoimmunerkrankungen in ihrer Tendenz rapide ansteigen, bis heute aber nicht heilbar sind, wird es immer wichtiger, begleitende Massnahmen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die TCM mit seinem umfassenden Konzept aus Akupunktur, Bewegungstherapie und Ernährung ist laut derzeitigem Wissensstand ein sehr vielversprechender Therapieansatz, Betroffenen gezielt Erleichterung zu verschaffen.  

 

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