In den letzten Jahren hab ich mich stetig mit dem Fasziengewebe befasst. Viel gelesen und gelernt, aber so richtig fühlen und dieses chaosartige Netzwerk mehr verstehen, konnte ich bei meinen beiden Sezierkursen in Phoenix. Dabei viel mir der extreme Unterschied zwischen normalem und Narbengewebe das erste Mal so richtig auf. Ich war erstaunt wie eine Narbe an der Oberfläche wunderbar verheilt aussehen konnte, ja sogar so, dass man sie schon fast nicht mehr gesehen hatte. Darunter jedoch kamen künstliche Gelenke, verwachsenes Gewebe oder Organe zum Vorschein. Normales Gewebe ist elastisch, kräftig, beweglich, resilient, Narbengewebe hingegen verklebt, verwoben und fest. 

Mit dieser Erfahrung erhielten die Faszien / das Gewebe im allgemeinen und Narben und einen anderen Stellenwert. Was mich dazu bewog, die Fascial Stretch Ausbildung zu absolvieren und mich mehr mit der viszeralen Osteopathie zu beschäftigen. So erlernte ich neben dem Pilates & Faszien Pilates nun auch manuelle Methoden um meine Klienten bei Schmerzen oder Dysbalancen zu unterstützen und deren Gewebe zu stimulieren. 

Ich wusste nun das Narbengewebe einen imensen Einfluss auf das restliche Gewebe, die Bewegung und Funktion des Körpers hat. Aber wie konnte ich daran arbeiten? 

Als Britta Brechtefeld mir erzählte das sie über Bodymotion Sharoon Wheeler nach Deutschland holen wird, war ich begeistert und am gleichen Tag zum Workshop angemeldet.

Kurz vor dem Seminar verbrachte mein Freund und Lehrer Brian aus Hawaii ein paar Tage bei mir im Studio, um meine Kunden zu behandeln und mir weitere Tipps für die künftigen Trainings und Therapiesessions zu geben. Er hat seit 20 Jahren Erfahrung und hat sich auf das arbeiten mit dem Fasziengewebe spezialisiert. 
Wir arbeiteten an einem Kunden von mir, einem Profisportler den ich mit Fascial Stretch Therapy begleite.  Ich erzielte dabei immer wieder Erfolge das er sich beweglicher fühlt, weniger Schmerzen hat und einen weiteren Range of Motion erreicht. Das arbeiten von Brian direkt an seiner Narbe jedoch zeigte nochmals einen grösseren Effekt. Und nun konnte ich es kaum mehr erwarten nach Deutschland ans Seminar zu reisen.

Eine internationale Gruppe fand sich letzte Woche in Dortmund ein. Die ersten beiden Tage waren eine Einführung ins Narbengewebe, ein erlernen der Techniken und diese aneinander üben. Sharon arbeitete an einem Model mit einer grossen Narbe von einer Operation eines künstlichen Hüftgelenkes. Ich war erstaunt mit welchen sanften Techniken innert wenigen Minuten erste Farbeffekte der Narbe sichtbar wurden. Anders als beim Rolfing oder Struktureller Integration wird sanft und im schmerzfreien Bereich gearbeitet. „Auf einer Skala von 1-10  arbeite ich beim Rolfing zwischen 4-7, bei Narbenarbeit zwischen 2-5“ erläutert uns Sharoon. 

Spannend war das obwohl viele von uns dachten, „ich hab keine Narbe“, bei jedem doch noch etwas zum Vorschein kam. Es ist unglaublich wie sehr wir uns mit einer Dysfunktion abfinden und sie schlussendlich ignorieren. Als Beispiel mein kleiner Finger: Die Narbe war in Vergessenheit geraten und ebenso, dass ich diesen kleinen Finger weder ganz strecken noch biegen konnte. Ein Beachvolley-Spass-Turnier vor guten 15 Jahren, das mit einem Spitalaufenthalt und dem Zusammenbasteln des zersplitterten Kleinfingerknochens endete.  

Das in diesem Seminar nun jemand sich eine Stunde um diesen kleinen Finger kümmert, mit sanften Techniken das Gewebe stimuliert war eine fantastische Erfahrung. Schon nach ersten Minuten veränderte sich die Farbe, nach weiteren wurde das Gewebe geschmeidiger und am Ende konnte ich meinen Finder wieder ganz biegen und strecken ;o) Ich war begeistert!

Am dritten und vierten Tag durften wir uns als Team den Modellen von aussen widmen, in 3 Runden mit je 9 Modellen. Verschiedenste Menschen jeglichen Alters und Anatomie, deren Narben und Geschichten dazu. Von Kaiserschnitten, zu Hüftdysplasien, Gallensteinentfernung, Knochenbrüchen, Wirbelversteifungen, Krebsoperationen, künstlichen Gelenken und vielem mehr. Zum Teil waren die Narben keine 3 Monate alt und ganz viele waren auch 30, 40 Jahre alt. Manche hatten Sensibilitätsstörungen und konnten diverese Stellen nicht mehr wahrnehmen.  

Diese 2 Tage waren gigantisch. Oft kamen Aussagen wie „ich berühre meine Narbe fast nie“, „ich mag meine Narbe nicht anschauen“, „ich lasse niemanden an die Narbe ran“, „seither habe ich immer noch Beschwerden“. Oder auch: „ich habe keine Einschränkungen der Narbe“, „dieser Teil meines Körpers fühlt sich fremd an“, „hatte die Narbe ganz vergessen“, „die Narbe ist so alt, da kann man nix mehr machen“ etc. Meistens haben wir zu 2 an einem Modell gearbeitet, entweder war die Narbe entsprechend gross oder es gab verschiedene Narben an einer Person. Nach einer gewissen Zeit war die Möglichkeit da zu rotieren um möglichst an den verschiedensten Narben und Gewebe unsere Erfahrungen zu sammeln. Jede Narbe ist einzigartig und fühlt sich anders an. Es ist kein überflüssiges Gewebe, sondern ein wichtiger Teil von uns, der einfach zusammengeklebt und verwebt ist. Narbengewebe sehnt sich danach wieder ein dreidimensionales faszielles Netzwerk zu werden. 

Spannend für mich war auch der Zusammenhang zwischen Narben und den Organen. Die Funktion des Organs ist durch vernarbtes Gewebe eingeschränkt, die Kombination der Narbenarbeit und danach viszerale Osteopathie verspricht die optimalen Erfolge.

Während des Arbeitens durften wir die verschiedensten Reaktionen und Emotionen miterleben. Die Feedbackrunde am Ende war überwältigend: Jeder hatte ein Lachen auf dem Gesicht. Das Fazit: Jeder hatte ein positives Erlebnis das er nicht missen möchte. „Ich fühle mich wieder als Ganzes“, „ich habe wieder Bewegung erlangt“, „ich kann diese Stelle wieder fühlen“, „noch nie hat sich jemand so um meine Narbe gekümmert“, etc.

Viel Dankbarkeit von uns Lernenden und von den Modellen erfüllten den Raum, welch bereichernde Erfahrung! 

So bin ich bestrebt diese fasziniernde Arbeit in meinen Studio`s zu integrieren und meine Technik weiter zu verfeinern.

Für weitere Informationen Anmeldungen

 

 

Resultate werden geladen. Bitte warten Sie...