Seitensprung – kann eine Paarberatung helfen?

Viele Paarberatungen drehen sich um das Thema Seitensprung. In einem Fallbeispiel berichtet Anne Meier von Ihrer Ehekrise, die durch eine Affäre ausgelöst wurde. Der diplomierte Psychologe und Paarberater Christoph Adrian Schneider gibt wertvolle Antworten, ob eine Paarberatung helfen kann.

Paarberatung nach Seitensprung oder Affäre

Treue hat einen hohen Stellenwert in der Partnerschaft. So auch für Anne Meier, die sich bis vor einem Jahr nicht einmal die Frage stellte, ob ihr Partner treu ist oder nicht. Der Alltag lief seinen üblichen Gang. Zwar stellenweise etwas stressig auf der Arbeit und mit den Kindern, aber zumindest in der Beziehung war es fast immer harmonisch, so dachte sie. Erst als ihr Partner immer schweigsamer wurde und sich die Überstunden im Büro häuften, wurde die Mutter von zwei Kindern misstrauisch. Als ihr Partner eines Tages eine Affäre gestand, war für die 32-Jährige die Beziehung am Ende. Reuevolle Gespräche und der Gedanke an die gemeinsamen Kinder liess die Ehe weiterleben. Doch für Anne Meier änderte sich etwas seit diesem Erlebnis. Der Gedanke an eine Paarberatung kam auf.

Studien belegen: Eine Affäre ist schwierig für die Beziehung, aber nicht unüberwindbar

Viele Paarberatungen drehen sich um das Thema Seitensprung. In einer Studie am „Institut für Psychologie“ der deutschen Universität Göttingen stellten Forscher fest, dass sexuelle Defizite in der eigenen Beziehung am häufigsten zum Seitensprung führen. Dazu wurden insgesamt 219 Probanden befragt, wovon 76 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen diesen Grund angaben. Die Wissenschaftler stellten fest: In der Regel dauert eine Beratung mit Paaren, bei denen ein Seitensprung die Fronten verhärtet, meist länger und erweist sich als schwieriger als bei Paaren, die sich treu sind. Coachfrog hat mit dem dipl. Psychologen Christoph Adrian Schneider über Anne Meiers Fall gesprochen. Der Therapeut mit Praxis in Bern hat sich die Fragen der jungen Frau angesehen und beantwortet.

Anne Meier: Vor einem Jahr hatte mein Mann eine Affäre. Wir haben zwar entschieden zusammen zu bleiben, doch innerlich bin ich immer noch sehr verletzt. Seit mehreren Monaten streiten mein Mann und ich sehr viel und intensiv. Meist, wenn die Kinder im Bett sind. Die Konflikte drehen sich hauptsächlich um seinen Seitensprung. Fragen wie: „Hast du gar nicht an deine Familie gedacht?“, kommen meist wütend über meine Lippen. Wo anfänglich Reue war, ist bei ihm Gereiztheit entstanden, mir diese Frage immer und immer wieder beantworten zu müssen. Kann uns eine Paarberatung helfen? Oder soll ich vielleicht mit einer Einzeltherapie starten, um meine Wut unter Kontrolle zu bekommen?

Christoph Adrian Schneider: Meiner Erfahrung nach sind beide Formen denkbar. Grundsätzlich sind eine Paarberatung und parallel eine individuelle Begleitung oder Unterstützung wertvoll, wenn es um die Verarbeitung geht. Die Paarberatung setzt vor allem voraus, dass beide Partner sich auf ein Ziel einigen können und freiwillig an sich arbeiten. Beim Thema Fremdgehen kann das unter Umständen schwierig sein. Es ist möglich, eine Paarberatung mit einem Einzelgespräch zu beginnen. In einem Erstgespräch, nur mit dem Therapeuten im Raum, können sich die meisten Klienten viel besser öffnen und ohne Hemmungen von der Problematik zu ihrem Partner oder von den Problemen in der Partnerschaft erzählen. Sitzt der Partner hingegen daneben, ist vor allem die nicht dominante Person oft zurückhaltender und schweigsamer. Um den Gefühlen, Gedanken und der Haltung gegenüber einer Paarberatung erst einmal auf den Grund gehen zu können, beweist sich ein Einzelgespräch daher als sinnvoll.

Ich bin mir nicht sicher wie es sich anfühlt, einen völlig fremden Menschen unsere Beziehungsprobleme und intimsten Gedanken anzuvertrauen. Können Freunde ebenso gut helfen wie ein Paarberater?

Freunde sind in den meisten Fällen nur bedingt hilfreich. Sie hören zwar zu und halten einen innerlich die Hand, doch oft ist es wichtig, eine neutrale, unabhängige Sicht auf die Situation zu haben. ​Als Paarberater versuche ich die Situation beider Parteien so gut wie möglich nachzuvollziehen. Denn es leiden immer beide und fühlen sich missverstanden. Auch derjenige, der fremdgegangen ist. Meine Aufgabe ist es, die jeweilige Seite zu verstehen und für den Partner verständlich zu machen. Ein Freund hingegen steht meist zu der einen Person näher und kann natürlich nur schlecht Diplomatie wahren.

Meine Gedanken fahren oft Achterbahn. Ich stelle mir bildlich vor, wie mein Mann eine andere Frau berührt. Was kann ich selbst aktiv unternehmen, um zu meinem Mann wieder eine Bindung herzustellen und diese Gedanken nicht mehr zuzulassen?

Wichtig und hilfreich ist es, über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen und sich diesen bewusst zu werden. Der Fokus sollte sich dabei auf das konzentrieren, was verändert werden kann – die eigene Haltung oder das eigene Verhalten. Damit neues Vertrauen wiedergewonnen wird. Eine Paarberatung kann dabei helfen, den Ursachen für den Seitensprung auf den Grund zu gehen. Denn in den meisten Fällen geht der Partner nicht grundlos fremd: Ein unerfülltes Sexualleben beispielsweise kann der Auslöser gewesen sein. Nicht jeder Mensch kann einen Seitensprung verzeihen, doch mit dazugewonnenen Bewusstsein und Klärung, kann ein Neustart gelingen.

 

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