Unter Leidensdruck – wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt

Wenn Frauen mit Kinderwunsch die Zeit davon zu laufen beginnt, ist das oft der Anfang einer persönlichen Leidensgeschichte. Während die einen in letzter Minute doch noch ihr Kinderglück finden, müssen andere mit der Kinderlosigkeit zurechtkommen. Ein Erfahrungsbericht der 41-jährigen Marion zeigt die enorme psychische Belastung, unter denen Betroffene leiden. 

Aus den verschiedensten gesellschaftlichen Gründen steigt das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes seit Jahren an. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau zurückgegangen und hat sich bei bescheidenen 1,5 eingependelt. Was sich hingegen kaum verändert hat, ist die Biologie der Frau. Das Zeitfenster, in dem sich Frauen fortpflanzen können, ist und bleibt – allen medizinischen Möglichkeiten zum Trotz – beschränkt. Die Konsequenz daraus: Bei einer wachsenden Zahl von Frauen kommt irgendwann der Wunsch nach Kindern mit den Fakten der weiblichen Biologie in Konflikt.

Die biologische Uhr der Frau

(Noch) kinderlose Frauen, die sich der ominösen Vierzig nähern, finden sich öfter als man denkt in einem veritablen Wettlauf gegen ihre immer lauter tickende biologische Uhr wieder. Und sie beginnen sich zu fragen: Finde ich noch rechtzeitig den passenden Partner, der bereit ist, mit mir die Verantwortung für ein Kind zu tragen? Werde ich wohl noch schwanger, wenn ich das erwünschte Karriereziel erreicht habe? Muss ich vielleicht jetzt schon vom Mutterwerden Abschied nehmen? Fragen, die Männern weitgehend fremd sind, und deren quälende Dringlichkeit auch Frauen nur schwer nachvollziehen können, wenn sie selber jung Mutter geworden sind. Für die Betroffenen ist der Wettlauf gegen die Zeit oft hart – und er wird fast immer im Stillen ausgetragen.

Tabuthema Kinderlosigkeit

Die biologische Uhr der Frau ist, in Kombination mit Kinderwunsch, nach wie vor ein tabuisiertes Thema. Wagt es eine Frau doch, darüber zu sprechen, kommt ihr nicht selten Unverständnis entgegen, oder es steht der unausgesprochene Vorwurf von Egoismus im Raum. Ach, schon wieder so eine Verzweifelte? Was willst du denn noch, in deinem Alter? Vergiss doch deine Torschlusspanik! Und: Erfreue dich einfach deines Lebens als Kinderlose! Wenn dies bloss so leicht wäre. Der Wunsch nach Kindern ist ein Urtrieb der Menschheit; er lässt sich im Einzelfall nur schwer erklären und schon gar nicht wegdiskutieren.

Zwischen Verzweiflung und Akzeptanz

Wenn Frauen mit Kinderwunsch die Zeit davon zu laufen beginnt, ist das oft der Anfang einer persönlichen Leidensgeschichte. Denn sie müssen ihren Kinderwunsch hinterfragen wie niemand sonst. Sie begeben sich in Therapie, um den Ursprung ihres „Mankos“ zu finden, sie versuchen krampfhaft, nicht verkrampft zu erscheinen, sie schwanken ständig zwischen Selbstironie und heulendem Elend hin und her, sie verzweifeln fast und wissen zugleich: Das Leben muss weiter gehen. Die einen finden in letzter Minute doch noch ihr Kinderglück, auf konventionellem oder auf anderem Weg. Andere entdecken unverhofft den Reiz alternativer Lebensentwürfe.


Erfahrungbericht: Marion, 41

  • Von aussen gesehen, sind mein Mann und ich das absolute Traumpaar. Er sieht gut aus, ist lustig, charmant; und ich bin immer für alle da, ein fröhlicher Wirbelwind, der – scheinbar – alles im Griff hat. Wir haben ein wunderschönes Häuschen mit Garten, zwei Katzen, und mein Mann hat einen angesehenen Job. Er ist Pilot, und aus irgendeinem Grund denken die Leute, wir würden ständig gemeinsam durch die Welt tingeln. Tatsache ist, dass er das vor allem allein tut, für meinen Geschmack in letzter Zeit etwas gar viel. Vielleicht ist das ja so eine Art Flucht vor den Problemen, die wir wegen unseres unerfüllten Kinderwunsches haben. Die Leute haben keine Ahnung, durch welche Hölle wir deswegen gehen. Vielleicht wollen sie auch gar nicht richtig hinschauen, um das schöne Bild, das sie von uns haben, nicht zu zerstören. Die wenigen, die darüber Bescheid wissen, sagen nur immer: "Das kommt schon noch, ihr werdet sehen." Und dann wechseln sie, peinlich berührt, das Thema.

 

  • Dann begann die Achterbahn der Gefühle. Am Anfang stand eine Riesenportion Hoffnung, denn meine Hormonwerte waren immer hervorragend. Wenn die Periode zum erwarteten Zeitpunkt nicht eintrifft, wirst du richtiggehend euphorisch. Du denkst: Jetzt, endlich! Jetzt hat es geklappt. Wenn du am nächsten Morgen eine Schmierblutung entdeckst, stürzt ein Teil von dir ab, deine Hoffnung zerbricht wie ein Porzellanteller auf dem Boden. Ein anderer Teil von dir hofft aber weiter. Denn im Internet hast du ja gelesen, dass andere Frauen auch im dritten oder vierten Schwangerschaftsmonat noch Schmierblutungen hatten. Aber dann, ein paar Stunden später, blutet es richtig und du weisst: das war's jetzt. Wieder nicht schwanger. Und trotzdem zögerst du noch, mit den Hormonen für einen nächsten Versuch fortzufahren, denn dadurch würde das Kind geschädigt, falls doch die verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit eintreffen würde, dass du doch schwanger bist. An solchen Dingen klammerst du dich fest.

 

  • Wenn es wirklich mein Schicksal sein soll, kinderlos zu sein, wieso hat mir der liebe Gott oder wer auch immer dann so eine grosse Sehnsucht ins Herz gepflanzt? Wieso hat er mir das Gefühl gegeben, dass ausgerechnet Muttersein meine Erfüllung wäre? Wird einem nicht auch in anderen Lebenslagen empfohlen, seine Ziele und Träume – etwa im Beruf – beharrlich zu verfolgen? Den Kinderwunsch abzulegen würde für mich einer Verleugnung meiner selbst gleichkommen. Denn so bin ich nun einmal. Es ist mein Grösstes und Schwierigstes; ich kann nicht aus meiner Haut. Lange Zeit versuchte ich mir das Leiden daran praktisch zu verbieten. Mittlerweile finde ich, dass ich mich nicht auch noch dafür entschuldigen muss, dass ich leide. Es ist schon hart genug, wie es ist. 

Info: Ausgewählte Ausschnitte aus dem Buch: „Bye Bye, Baby?“ von Annette Wirthlin.


 

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